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Queer Sein im Theater: Interview mit Lisa Wentz

Queer Sein in der heutigen Theaterlandschaft. Ein Interview mit der Künstlerin Lisa Wentz.





Hallo liebe Lisa, danke dass du dir Zeit nimmst, um mit mir zu sprechen. Bevor wir beginnen - für unsere Leser*innen: Wer bist du und was machst du?


Hallo, danke, dass ich da sein darf. Gleich am Anfang die schwierigen Fragen! Wer bin ich denn? Also, für hier ist vielleicht interessant, dass ich Studentin an der UDK (Universität der Künste) im Studiengang Szenisches Schreiben in Berlin bin. Das heißt ich mache eine Ausbildung zur Theater- und Drehbuchautorin. Vor dem habe ich eine Ausbildung zur Schauspielerin in Wien gemacht. Und dann ist vielleicht noch interessant, dass ich mich vor einigen Jahren als lesbisch geoutet habe und seitdem versuche, das Thema Homosexualität mehr in der Öffentlichkeit zu thematisieren.


Was bedeutet es für dich eine “queere Perspektive” einzunehmen?


Bewusst sein und sehen, würd ich sagen. Und manchmal weiß ich gar nicht so sehr, ob ich das, also eine queere Perspektive, tatsächlich habe, obwohl das natürlich das Ziel wäre. Immer wieder fällt mir auf, wie sehr ich in Normen denke und schreibe, wie sehr ich manchmal abweiche von meinen eigenen Gefühlen, Gedanken und das bediene, das ich selbst in den Medien und in meiner Umwelt sehe. Für mich heißt es ganz oft einfach kurz innehalten und zu überprüfen - denke ich gerade so, weil ich so erzogen wurde, oder weil es für die Figur bzw. für mich wirklich stimmt.

Ich glaube man muss einfach immer weiter ausprobieren. Ich stehe ja auch noch so am Anfang, ich muss noch so viel lernen! Aber einfach mal schauen. Mal schauen warum da eine Wunde ist, was da blutet. Schauen ob ich zu dem, was da weh tut was sagen kann. Ob ich eine gute Wahl bin, dazu was zu sagen. Und ich hoffe, dass ich noch ganz oft ganz laut schreien kann, mit meinen Texten.


Du bist sowohl Schauspielerin als auch Theaterautorin: Inwiefern spielen queere Perspektiven in den Stücken, die du schreibst, eine Rolle? Und wie sehr prägen deine Erfahrungen sowohl auf der Bühne als auch hinter der Bühne deine Arbeitsweise?


Zur ersten Frage: Das ist bei jedem Text unterschiedlich, aber ich hoffe natürlich sehr, dass das immer mitschwingt. Manchmal ist ein extremer Fokus darauf gesetzt. Manchmal merkt man es vielleicht nur an einer Beziehung der Figuren, an Aussagen, an leichten Verschiebungen. Vielleicht hoffe ich manchmal ein bisschen zu sehr, dass sich die Sachen, die mir wichtig sind, vermitteln, ohne dass ich den großen Fingerzeig machen muss. Aber wie gesagt, man muss einfach dranbleiben und jeden Text an sich noch

einmal auf diese Punkte untersuchen.


Zur zweiten Frage: Ich glaube die Bühne und alles was dahinter, davor und darauf passiert hat mir erst gezeigt, wie viel Aufholbedarf und Arbeit wir noch vor uns haben. So fortschrittlich und offen das Theater oft sein will, so oft ist meiner Meinung nach das genaue Gegenteil. Eigene Erfahrungen vermischen sich da natürlich mit Dingen, die wir ganz allgemein wissen. Als ich noch als Schauspielerin tätig war, habe ich oft vermieden mich zu outen. Als junge Frau habe ich mich oft extrem unwohl gefühlt. Als übergewichtige Frau hab ich sowieso manchmal Sachen gehört, über die ich zum Glück lachen kann, die aber eigentlich inakzeptabel sind.


Welche Coping-Strategien haben sich daraus entwickelt?


Ich weiß nicht. Lauter sein, wahrscheinlich. Für mich war erstmal wichtig, überhaupt zu erkennen, dass mir diese Sachen passieren. Dass es da Machtstrukturen gibt. Und jetzt bin ich dabei zu lernen, auch was dazu zu sagen.


Setzt du einen bestimmten Fokus auf die Dekonstruktion von Geschlechterrollen in deiner Arbeit?


Das ist eine schwierige Frage, aus folgendem Grund: Ich finde den Impuls Geschlechterrollen aufzubrechen natürlich super und ich hoffe, ich mache das auch oft in meinen Texten. Nur manchmal kommt mir in letzter Zeit vor, dass dieser Drang nur keine Geschlechter”klischees” zu zeigen, in ein anderes Extrem abrutscht. Nur zum Beispiel: Ich hab einmal einen Text geschrieben, in der eine cis Frau in einer toxischen Beziehung mit einer anderen Figur war (die übrigens kein cis Mann war) und in dieser Beziehung gewaltvoll umgekommen ist. Die Kritik an der Figur war dann oft: Das ist zu Klischee, du reproduziert ein veraltetes Frauenbild. Und das find ich wirklich unglaublich schwierig! Dass Frauen* sehr oft häusliche Gewalt erfahren ist kein Klischee sondern harte Realität über die wir viel mehr sprechen müssten!

Also wie immer ist es bei jedem Text ein ewiges Hinterfragen, bei jedem Text unterschiedlich.


Inwiefern unterscheiden sich die Erfahrungen auf und hinter der Bühne?


Hinter dem Schreiben kann man sich besser verstecken, das ist gut und schlecht. Als Autorin hatte ich noch nie Angst mich zu outen, wahrscheinlich weil weniger auf dem Spiel steht. Weil man nicht befürchten muss, dass man plötzlich auf seine Homosexualität angesprochen wird, in einer Liebesszene zum Beispiel. Weil man nicht als Körper auf der Bühne steht, wird man auch nicht so offensichtlich darauf reduziert. Was nicht heißt, dass man beim Schreiben nicht auch auf die eigene Weiblichkeit angesprochen wird.


Du bist auch Teil und eine der Gründer*innen des QuerAkt-Ensembles. Magst du kurz euer Projekt vorstellen?


Ja, das ist wirklich ein Leidenschafts-Projekt. QuerAkt besteht aus vier Schaupieler*innen, Mario Klein, Robert Max Elsinger, Sophie Gutstein und mir. Gemeinsam wollen wir auf Themen der LGBTQIA+ Community aufmerksam machen, wir wollen durch Kunst, durch das immer wieder darüber sprechen, die Themen unserer Community einfach raustragen in die Welt. Wir glauben, um so mehr über queere Menschen gesprochen wird, um so öfter man uns sieht, sei es im Internet oder im Fernsehen oder im Theater umso mehr wird sich unsere Existenz in den Köpfen der Menschen normalisieren.



So erreicht ihr Lisa Wentz:


Theapolis: https://www.theapolis.de/de/profil/lisa-wentz

https://www.udk-berlin.de/studium/szenisches-schreiben/studierende/15-jahrgang-2018-2022/lisa-wentz/

Instagram Querakt: https://instagram.com/querakt_



Alexandra Mittermüller, Kultur-& Sozialanthropologin, Mitbegründerin von CaFémme Vienna, studiert im Master Gender Studies und arbeitet an der Universität Wien in der Abteilung für Gender Studies. Website: alexandramittermueller.net/about



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