“Weil ihr denkt, wir fliegen nicht” - Interview mit dem Theaterautor, Regisseur, Schauspieler Mario Klein

November 20, 2019

 

Feministisches Bewusstsein hinter dem Vorhang und weibliches* Gedankengut auf die Bühne! So lautet das Credo des neuen Stücks “Weil ihr denkt, wir fliegen nicht” in dem Bertha von Suttner, Marie Curie, Gertrude Bell, Rosa Luxemburg, Virginia Woolf, Elsa Schiaparelli und Ulrike Meinhof in einer WG leben, über sozialpolitische Themen diskutieren und dabei Raum und Zeit überschreiten. Autor des Stücks ist Mario Klein. Er ist Theaterautor, Regisseur, Schauspieler und Mitglied des Querakt-Ensembles. Ich habe ihn zum Interview gebeten.

 

Du hast ein Stück namens “Weil ihr denkt, wir fliegen nicht” geschrieben. Magst du uns kurz erzählen, worum es darin geht?

 

Das Stück handelt von sieben historischen Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie wohnen in einer WG zusammen und es werden Alltagssituationen geschildert bei denen sie gesellschaftspolitische Themen diskutierten, auseinanderreißen und wieder neu zusammensetzen. Wie wehrt sich frau am besten gegen rassistische und misogyne Anschauungen? In unserer heutigen Zeit scheint Kritikfähigkeit an derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnissen eher die Ausnahme als die Regel zu sein. Die „Kopf-nach-unten-Gesellschaft“ sieht nicht bewusst hin, sondern vergräbt sich im kapitalistischen Konsumwahnsinn und oberflächlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen. Faschismus, Diskriminierung und Rassismus sind Phänomene die aktueller nicht sein könnten und nun lauthals an unseren Türen klopfen. Die Frage ist: Öffnet mensch die Tür und lässt sich auf die heutige Hexenjagd ein? Oder verbarrikadiert mensch sich und sieht zu, wie sich die Bevölkerung immer mehr selbst vergiftet? 

Wir nehmen Bezug auf sieben historische Frauen, die bewusst die Gesellschaft gestaltet haben und in einer männerdominierten Welt vieles erreicht haben.  Die sieben Frauenfiguren sind folgende:     
Bertha von Suttner (1843-1914) - österreichische Pazifistin, Nobelpreisträgerin, Marie Curie (1867-1934) - polnisch-französische Physikerin/Chemikerin, Nobelpreisträgerin, Gertrude Bell (1868-1926) - britische Forschungsreisende, politische Beraterin, Rosa Luxemburg (1871-1919) - deutsche Aktivistin, Vertreterin der Arbeiterbewegung, Virginia Woolf (1882-1941) - britische Schriftstellerin, Elsa Schiaparelli (1890-1973) - italienisch-französische Modeschöpferin, Ulrike Meinhof (1934-1976) - deutsche Journalistin, später RAF-Terroristin.

 

“Weil ihr denkt, wir fliegen nicht.” Welche Assoziationen verbindest du mit diesem Titel?

Für mich hat sich schnell rausgestellt, dass bei diesen Frauen immer wieder das Thema “Freiheit” sehr präsent ist. Ich finde dieses Wort hat eine vielschichtige Bedeutung und wir Menschen haben vergessen, was es heißt wirklich frei zu sein. Und damit meine ich nicht nur im physischen Sinne, sondern auch emotional und gedanklich. Völlig und ganz frei zu sein ist für mich ein Grundstein unseres menschlichen Daseins und der erste und einzige Weg seine Mitmenschen zu lieben. Dies hört sich im ersten Moment sehr kitschig an, aber wenn man es genau nimmt, will doch jeder von uns geliebt werden, genauso wie er/sie ist. Wir blicken gerne zu “starke” Menschen auf, die diese Freiheit vollkommen ausleben und ein selbstbestimmtes Leben führen. Wenn man diesen Freiheitsgedanken hernimmt, verbinde ich es sehr schnell mit dem Wort “fliegen”. Dies ist wiederum eine Assoziation, die man auf verschiedenste Art und Weise interpretieren kann. Man kann nicht nur “frei sein wie ein Vogel”, sondern auch seinen Gedanken freien Lauf lassen und diese in die Welt hinausschicken und eben fliegen lassen. “Wenn Träume fliegen lernen” ist ein Spruch, der mich bereits mein ganzes Leben begleitet und ist für mich mittlerweile eine Art Mantra geworden. Niemals aufgeben und sich selbst erlauben, seine eigene Freiheit auszuleben, also “fliegen zu lernen”. Bei dem Titel möchte ich ebenso zum Ausdruck bringen, dass in der Gesellschaft der Gedanke immer noch verankert ist, Frauen seien “das schwache Geschlecht” und könnten nicht “fliegen”. Mit diesem Vorurteil möchte ich aufräumen und zeige im Stück sieben starke und tolle Frauen, die nicht nur “fliegen” sondern ihre Flügel bereits ausgebreitet haben und ihre Mitmenschen auf eine Reise mitnehmen.

 

Hast du eine Lieblingsfigur? Und wenn, warum genau diese?

Als Regisseur fühle ich mich ein bisschen wie eine Vaterfigur, der all seine Kinder auf die gleiche Art und Weise liebt. Wir haben uns im Vorfeld sehr intensiv mit den historischen Frauen beschäftigt und sie in die Jetzt-Zeit transferiert. Mir ist es wichtig, dass man tiefer in das Seelenleben der einzelnen Frauen eindringt und Charaktereigenschaften zum Vorschein bringt, die man vielleicht auf den ersten Blick nicht erahnt hätte. Ich lebe und fühle mit jeder einzelnen Figur mit und lerne sie von Probe zu Probe besser kennen. Für mich ist es - genau wie für die Schauspielerinnen - ein Prozess, in dem man die einzelnen Rollen immer besser versteht und erstaunt ist, welche Parallelen man zu seiner eigenen Persönlichkeit vorfindet. Deshalb ist es für mich sehr schwierig zu sagen, dass ich eine Lieblingsfigur habe. Zusammengefasst möchte ich damit ausdrücken, dass ich keine Figur präferiere, ich liebe und wertschätze jede einzelne mit all ihren Ecken und Kanten.

 

Warum war es dir wichtig dieses Stück zu schreiben?

Die Idee zum Stück hatte ich schon lange im Kopf. Ich finde es nicht gerecht, dass Frauen noch immer untergeordnet werden und zum Teil den Männern nicht gleichgestellt sind. Egal in welche Kultur wir blicken, der Trend dazu ist leider überall gleich. Mit dem Bezug zu den historischen Frauen und den Hindernissen, mit denen sie konfrontiert wurden, möchte ich aufzeigen, wie wichtig es ist, dass jeder Mensch ein Recht hat, das zu machen was er will und seine Meinung äußern darf, egal welches Geschlecht.

Ein weiterer, wichtiger Faktor war für mich, dass es gerade in der Theaterlandschaft viel mehr Männerrollen in Stücken gibt (vor allem im klassischen Stoff) und die Frauen entweder kaum Sprechtext haben oder es im Stück nicht vorrangig um die Frau selbst geht. Das möchte ich mit meinem Stück ändern: komplexe Frauenrollen an die Front und weibliche Sichtweisen dem Publikum näherbringen. Denn meist hören wir nur von männlichem Gedankengut, dies erschafft ein Ungleichgewicht und es wird Zeit dies zu ändern. Unsere Gesellschaft muss noch einen langen Weg gehen und ich möchte mit diesem Stück einen kleinen Teil dazu beitragen und die Menschen zum Nachdenken anregen.

 

Immer wieder liest mensch darüber, dass der Theaterbetrieb (bzw. generell kulturelle Institutionen) ein massives Problem mit Sexismus haben. Du bist nicht nur Regisseur, sondern auch Schauspieler: Welche Erfahrungen hast du während deiner Laufbahn mit Sexismus gemacht, die du teilen möchtest?

Dazu fällt mir als erstes die sogenannte "Besetzungscouch" ein, die leider traurige Realität ist. Viele Regisseur*innen und Intendant*innen nutzen ihre Machtposition aus und überschreiten oftmals Grenzen. Und (junge) Schauspieler*innen sind die Leidtragenden davon. Im Allgemeinen ist es für die Theaterlandschaft beschämend, wie sehr mensch auf das Optische und die Sexualität reduziert wird. Oft wird geglaubt, dass das Theater so offen und tolerant ist, aber in manchen Situationen wirst du schnell eines Besseren belehrt, wenn du hörst welcher Umgangston herrscht und durchaus handgreifliche Szenarien bei Proben vorkommen.
Zum Thema Homophobie und Transphobie kann ich ein Beispiel aus meinem Schauspielstudium erzählen: im 2. Ausbildungsjahr spielte ich eine Person, die transgender* war. Ich trug dafür High-Heels und eine Perücke. Für mich stand es außer Frage, dass ich eine solche Rolle spielen möchte, weil sie schlichtweg ein Teil unserer Gesellschaft ist und Theater dafür da sein sollte, alle Menschen zu vereinen und darzustellen. Während des Unterrichts und auch noch lange danach, wurde ich immer wieder auf meine Homosexualität reduziert und gesagt, dass ich auch überlegen sollte "Hetero"-Rollen "da draußen" glaubhaft spielen zu können. Abgesehen davon, dass die sexuelle Orientierung nichts damit zu tun hat, transgender* zu sein, wurde mir einfach ein Stempel aufgedrückt, den ich sehr lange nicht los wurde und das nur aufgrund dieser einen besagten Rolle. Ich möchte damit aufzeigen, wie wichtig es ist, dass man an sich selbst glaubt und dass zu tun, was man möchte. Theater ist bunt und vielfältig, wie das Leben selbst und das gehört noch viel mehr in die Welt hinausgetragen!

 

Was für eine Bedeutung hat Feminismus für dich?

Für mich ist Feminismus mittlerweile etwas ganz Selbstverständliches und nichts typisch “weibliches”. Ich als homosexueller Mann, kann ebenso Feminist sein, da es mir wichtig ist, gewisse Dingen aufzuzeigen und Sicht- und Denkweisen zu vertreten, die ein gemeinsames, friedliches Miteinander ermöglichen.  Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass, wenn man offen homosexuell lebt, genau weiß, wie es sich anfühlt ausgestoßen zu werden oder Mobbing erfährt. Man kann nachempfinden, wie Frauen sich fühlen, wenn untergriffige Sachen gesagt bzw. getan werden und sie nicht gleichberechtigt werden. Ich denke, es ist das Grundrecht jedes Menschen, so sein zu dürfen, wie mensch will. Und hier sind wir wieder beim Thema meines Stückes, dass jede*r das Recht auf seine/ihre persönliche Freiheit hat. Frauen werden oftmals schon in der Kindheit die Flügel gestutzt und ihnen wird eingeredet, wie sie sich zu verhalten haben. Das gleiche gilt auch für homosexuelle Menschen: du wächst in einem heteronormativen Umfeld auf und fühlst dich fast wie ein Fremdkörper, weil man eben “anders” ist als die Norm. Aber was ist schon die “Norm”? Hier gehört meiner Meinung angesetzt, dass es keine “Norm” gibt. Jeder ist “normal” und persönlich wertvoll, wie mensch eben ist. Feminismus ist für mich viel mehr als eine soziale Bewegung, eine Emanzipationsbewegung oder wie mensch es auch immer nennen mag. Es ist eine Grundeinstellung, die man in sein eigenes Leben integrieren sollte, um nicht in Schubladen zu denken und ein offenes, harmonisches und letztlich auch kreatives Umfeld zu schaffen.

 

Warum denkst du, dass Feminismus auch Männern* nützt?

Ich denke, nur wenn sich cis Männer hier auch solidarisieren und sich mitentwickeln, kann eine Bewegung in die Richtung einer geschlechtergerechten Gesellschaft funktionieren. Männer* sollten ebenfalls anfangen sich zu emanzipieren, und beginnen klassische Männlichkeits*bilder, wie die des “starken Mannes” zu hinterfragen. Was bedeutet es überhaupt stark zu sein? Ist es nicht stark, sich mit seinen eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen und sich diesen bewusst zu sein?  Es ist normal Gefühle zu haben und diese sollte Mann* auch zeigen dürfen.

Des Weiteren darf mensch auch nicht unterschätzen, wie viel wir generell voneinander, aus der Vielfalt heraus, lernen können: Frauen*, Männer*, nicht binäre Menschen.
Wenn sich mehr cis Männer für Feminismus interessieren würden, gäbe es ein riesiges Umdenken und dies wäre für alle eine Bereicherung. Es würde den cis Männern ebenso in deren persönlichen Entwicklung weiterhelfen und aufzuzeigen, wie sehr man in gewissen Gedankenkonstruktionen verhaftet ist, die man einfach nicht anders kennt. Ich denke, dass ist auch wesentlicher Schritt in allen Bereichen des Lebens, dass man nicht stehen bleiben darf, offen sein sollte und die Sinne nicht für Neues verschließen. 

Danke für das Interview, Mario.

 

“Weil ihr denkt, wir fliegen nicht” könnt ihr im Jänner 2020 im Ateliertheater Wien sehen.

 

“Weil ihr denkt, wir fliegen nicht” von Mario Klein

Wann?
Fr, 17.01.2020, 19.30h
Sa, 18.01.2020, 19.30h

 

Wo?
im Ateliertheater Wien

Preis?

VVK: 18 Eur., Abendkassa 20 Eur.
Ermäßigungen: 16 Eur. (Schüler*innen, Studierende, Pensionist*innen)

 

 

Mit

Sophie Gutstein

Michelle Haydn

Astrid Perz

Michaela Prendl

Sandra Schuller

Elisabeth Spiwak

Yasmin Öztürk

 

Musik von

Klara Freynschlag / Pizza Emozionale

Alexandra Mittermüller / medalomismo

 

 

Alexandra Mittermüller ist Kultur-& Sozialanthropologin, Research Fellow für die Menschenrechtsorganisation APDHA Cádiz und studiert zurzeit im Rahmen ihres Masters „Gender Studies“ an der Lund Universität in Schweden. Ihren privaten Blog findet ihr hier. https://anthroheart.wordpress.com/

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